Page 1 Vorwort Kamoluddin Abdullaev Das vorliegende Buch wie auch meine Begegnung mit Reinhard hätte es ohne die Perestroika nicht gegeben. 1989, als der Reformprozess in vollem Gange war, erhielt ich als nicht der Partei angehörender Historiker eine Stelle am Institut für die Geschichte der Kommmunistischen Partei Tadshikistans (KPT). Dem vorausgegangen war der auf dem Plenum des Politbüros des ZK der KPdSU im Februar 1988 gefasste Beschluss, nicht länger allein auf die Kommunisten zu setzen; man wollte die “besten nicht der Partei angehörenden Spezialisten” in die Organe der Kommunistischen Partei einbinden und so eine breitere gesellschaftliche Basis schaffen. Die Partei verlor rasant an Popularität und hoffte die Situation auf diese Weise in den Griff zu bekommen. Ich erhielt einen der Schlüsselposten im Institut und war dabei keinerlei Parteikontrolle unterworfen, sodass ich ohne Hindernisse an meinem Thema arbeiten konnte – der Geschichte der konterrevolutionären Basmatschestwo sowie der Flucht und Migration aus (sowjetisch) Zentralasien nach Afghanistan in den 1920er Jahren. Dieses Thema hatte keinen unmittelbaren Bezug zur Geschichte der Partei, aber das Archiv der KPdSU, das die wertvollsten Quellen zu sämtlichen Perioden der sowjetischen Geschichte, also auch zu den frühen Jahren enthielt, unterstand dem Hauptinstitut für die Geschichte der KPdSU in Moskau und seinen Außenstellen in den einzelnen Unionsrepubliken. Wer in der UdSSR zur sowjetischen Gesellschaft forschte, war stets um Zugang zu den Parteidoku- menten bemüht. Dafür musste man mindestens Mitglied der KPdSU sein, die allerdings nicht jedem offenstand. Bevorzugt aufgenommen wurden Arbeiter, dann kamen die Kolchosbauern, zuletzt die Angehörigen der „Intelligenz“. Obwohl mein Vater in Tadschikistan einen hochrangigen Parteiposten Page 2 14 Vorwort innehatte und mir in dieser Sache hätte behilflich sein können, hat er mich niemals gedrängt, in die Partei einzutreten, er hat mich im Gegenteil in meinem Wunsch unterstützt, die akademische Laufbahn einzuschlagen. Auch ich hatte von mir aus nie beabsichtigt, Mitglied der KPdSU zu werden, erst recht nicht in den Jahren der Perestroika. Und nun dieser unverhoffte Glücksfall! Zudem wurde während der Perestroika der Geheimhaltungsgrad vieler Dokumente aufgehoben, und die Forschenden hatten nun Zugang zu der Literatur, die in geheimen Sondermagazinen (Spezchran) weggesperrt gewesen war, wozu auch die westliche Literatur gehörte. Das Interesse der Menschen an dem Teil ihrer Geschichte, den man ihnen sorgfältig verschwiegen oder mindestens grob verzerrt dargestellt hatte, war groß. In dieser Zeit, 1989, tauchte im Institut ein junger Wissenschaftler aus West- Berlin auf: Reinhard Eisener. Vor Gorbatschow war die Vorstellung, ein west- licher Historiker könnte ein kommunistisches Archiv betreten, vollkommen abwegig gewesen. Ich nehme an, Reinhard war der erste und wohl auch letzte Vertreter der westeuropäischen Historiographie, der in tadschikischen Archiven Material zur Geschichte Bucharas in den Jahren 1917 bis 1924 zusam- mentrug. Mit Freude gewährte ich ihm Zutritt zu Bibliothek und Archiv des Instituts. Reinhard und ich fanden schnell eine gemeinsame Sprache, uns verbanden gemeinsame Interessen. Mit der Zeit unserer Zusammenarbeit entwickelte sich zwischen uns eine echte Freundschaft. Ungeachtet aller Unterschiede, die unsere Erziehung und Ausbildung betrafen, entdeckten wir etliche Gemeinsamkeiten. Unsere Väter waren beinahe ein und derselbe Jahrgang und hatten beide den Zweiten Weltkrieg mitgemacht, wenn auch für die jeweils gegnerische Seite. Doch das spielte für zwei junge Wissenschaftler zwischen 30 und 40, wie wir es damals waren, keine größere Rolle. Reinhards Vater hatte in den 1930er Jahren am wirtschaftlichen Aufbau Afghanistans mitgewirkt, mein Vater bekleidete in den 1950er Jahren eine Führungsposition im sowjetischen Teil des Pamir, also unmittelbar an der Grenze zu Afghanistan. Beide hatten wir die Geschichte dieses mittelasiatischen Landes gründlich studiert. Reinhard teilte Material zur Geschichte Bucharas und Afghanistans aus dem Londoner Archiv India Office Library großzügig mit mir, auch ich war später, 1996, auf seinen Rat hin einmal in London. Und ich stand ihm ebenfalls mit Material und Rat zur Seite. Während meiner Aspirantur am Institut für die Geschichte der UdSSR Ende der 1970er / Anfang der 1980er Jahre hatte ich viel in sowjetischen Archiven gearbeitet und Material zur Geschichte von Revo- lution und Bürgerkrieg in Mittelasien zusammengetragen. 1991 kam Reinhard mit seiner Frau Dagmar erneut nach Tadschikistan. Auch 1995/96, als er im Rahmen einer OSZE-Mission reiste, führte er seine Recherchen weiter. Wir standen weiterhin in Kontakt und schließlich kam ich 2014 auf Einladung der Humboldt-Universität zu Berlin für drei Monate nach Deutschland – es sollte meine letzte Begegnung mit Reinhard sein, wie ich heute weiß. Page 3 Kamoluddin Abdullaev 15 Bei meiner Arbeit im Archiv des Instituts für Parteigeschichte stellte ich fest, dass Originalquellen zur Geschichte Tadschikistans erst für die Zeit ab Mitte der 1920er Jahrvorhanden waren, als die Tadschikische Autonome Sozialisti- sche Sowjetrepublik (innerhalb der Usbekischen Sozialistischen Sowjetrepu- blik) geschaffen wurde, doch glücklicherweise enthielt das Archiv zahlreiche Mikrofilme aus dem Hauptinstitut in Moskau zu den Jahren 1917 bis 1924. Die tadschikischen Historiker bedienten sich dieser Materialien, um die die tadschikische Geschichte zu schreiben. So konnte Reinhard für sein Buch sowohl Materialien des Archivs der Kommunistischen Partei Tadschikistans (AKPT) als auch Fotokopien des überaus wertvollen Zentralen Parteiarchivs des Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU (ZPA IML) nutzen. Ab 1991 figuriert es unter dem Namen Russisches Zentrum für die Verwahrung von Dokumenten der Neueren Geschichte (RZChIDNI). 1999 wurde das RZChIDNI dann umgewandelt in das Russische Staatsarchiv für Sozial- und politische Geschichte (RGASPI). Darüber hinaus hatte Reinhard das Glück, für sein Buch zur Geschichte Bucharas in weiteren Archiven arbeiten zu können, etwa in Moskau und Sankt Petersburg. So gelang es ihm, eine wirklich immense Quellenbasis zu schaffen, die wertvolle Dokumente und Literatur in russischer und tadschikischer Sprache umfasst. Es war ein wichtiges und nicht einfaches Thema, dem Reinhard Eisener seine Forschung widmete: die Geschichte Bucharas zwischen der Ersten russischen Revolution 1905-1907 und der Neugliederung von Sowjetisch Zentralasien nach nationalen Gesichtspunkten 1924. Der Zeitabschnitt von 1904 bis 1917 wird auch als die „Erweckung Asiens“ bezeichnet, denn der Russisch- Japanische Krieg 1904-1905 und die Russischen Revolutionen von 1905 und 1917 beförderten den politischen Aufbruch Asiens und riefen auch die mittel- asiatischen Intellektuellen auf den Plan. Zum einen schien angesichts der Niederlage Russlands im Krieg gegen Japan Modernisierung und Konkur- renzfähigkeit gegenüber dem Westen erstmals möglich. Zum anderen sahen die asiatischen Reformatoren deutlich, wie rückständig und unattraktiv die orientalische Despotie war. Aus dem Bestreben, das gesellschaftliche Leben zu reformieren und sich dabei an der Entwicklung nichtmuslimischer Völker zu orientieren, entstand unter den Muslimen Russlands die Bewegung, die als Dschadidismus bekannt ist. Unter dem Einfluss der Ereignisse in Russland stellten sich die Anhänger des Dschadidismus, also die Progressisten (taraqqiparvaron) den Traditionalisten (qadimiyon) entgegen und nahmen Kurs auf die Freiheit / Revolution (hurriyat). Ziel dieser Bewegung war die Durch- setzung von Reformen bzw. ein Regimewechsel. Nach der Februarrevolution 1917 mit der Entmachtung des Zarismus tauchten die ersten politischen Organisationen auf, die sich als „muslimisch“ bezeichneten, was ausdrückte, dass sich dort Vertreter der lokalen Bevölkerung vereinten. Page 4 16 Vorwort Die Geschichte des islamischen Reformismus, seiner Widersacher und Begleitumstände, ist auch heute noch von Interesse. Nicht nur für Historiker, sondern durchaus auch für ein breiteres Publikum. Die Forschungsarbeit, die Reinhard in mehr als 30 Jahren dazu geleistet hat, war immens. Dabei sah er seine Aufgabe darin, so viel wie irgend möglich an Quellen und Literatur akribisch zu studieren und so die politische, ökonomische und militärische Geschichte Bucharas im Detail zu rekonstruieren. Dabei bleibt es dem Leser überlassen, Schlüsse zu ziehen und Bewertungen vorzunehmen. Der Verfasser konzentriert sich auf das Was und das Wie, also die Beleuchtung von Fakten und Ereignissen. Diesen Ansatz wählte Reinhard nicht etwa deshalb, weil er zum trockenen Faktensammeln neigte. Das Verständnis der Vergangenheit in ihrer logischen und chronologischen Abfolge ist die unabdingbare Voraus- setzung dafür, der Antwort auf die Frage nach dem Warum auf die Spur zu kommen. Für uns heutige Leser der Geschichtsbücher ist es von entscheidender Bedeutung, dass wir genau wissen, was damals war (und auch was definitiv nicht war). In diesem Sinne lässt sich Reinhards Arbeit mit der eines Chemikers vergleichen, der verschiedene Chemikalien zusammenmischt, aber im Vor- hinein nicht sagen kann, wie das Experiments ausgehen wird. Das Ergebnis kann die Vermutung des Forschenden bestätigen, kann aber auch unerwartet ausfallen. So ähnlich verhält es sich mit den Protagonisten von Eiseners Geschichte, sie handeln, ohne zu wissen, was morgen sein wird. Ob Triumph oder Katastrophe auf sie wartet – das wissen nur die Leser. Insofern enthält die Arbeit meines Freundes Reinhard Eisener eine Vielzahl exakter Fakten, die dem Leser einen besonders turbulenten und widersprüchlichen Zeitraum der Geschichte näherbringen, und das gilt nicht nur für die Geschichte Bucharas, sondern auch für die der angrenzenden Länder wie Turkestan, Chiwa, Iran, Afghanistan und Russland. Duschanbe, April 2022 Page 5 Generalgouvernement Turkestan Gebietsgrenzen des Gouvernements Nationalgrenzen außerhalb Turkestans Nominell unabhängig bis 1924 Zentren Eisenbahnlinien 0 300km Russisch-Zentralasien 1917 Petropavlovsk Ust-Kamenogorsk Semipalatinsk Omsk Werchne-Uralsk Akmolinsk Pavlodar Koktschetav Kustanaj Khojand Kokand Tschimkent Jizzakh Tirmiz Kopal Skobelev Vernyj Andijan Namangan Aulie-Ata Osch Przhevalsk Dzharkent Lepsinsk Turgaj Kuldscha Kabul Kaschgar Pischpek Petro-Aleksandrovsk Irgiz Aktjubinsk Temirsk Kattakurgan Qarschi Shahrisabz Kogon Kerki Kazalinsk Perovsk Merv Tejen Krasnovodsk Semireč ’e Emirat von Buchara Khanat von Chiva Fergana Samarkand Transkaspien Syr-Darya Syr Darya Amu Darya Emba Tobol Irtysch Indus Ob Ural Balchaschsee Aralsee P E R SI E N AF G HANISTAN INDIE N CHINA Orenburg Taschkent Aschgabat Samarkand Buchara Chiva K A S A C H I S C H E S T E P P E Tschardschuj (Čārgūy) ˇ Z a r a f s c h a n